Ich lebe.
02.11.2025
Und ich schwor mir, es niemals zu vergessen.
Als ich da stand, ohne Haare auf dem Schädel, keine Augenbrauen und Wimpern mehr, vollkommen nackt an Körper und Seele, die klinischen Blicke kratzten kalt über meinen Leib, der beschlossen hatte, sich selbst zu zerstören, hörte ich immer wieder den gellenden Schrei in meinem leeren Kopf widerhallen: "Ich bin ein Mensch, verdammte Scheiße! Hört ihr? Seht mich an! ICH BIN EIN MENSCH!"
Und heute, wenn der Blues mich fängt, wenn ich beginne, auf Gott und die Welt zu fluchen, erinnere ich mich daran:
Ich lebe. Alles was ich damals wollte, habe ich. Ich bin am Leben. ICH LEBE.
Liebe kann die Welt verändern
05.06.2025
Man sagt, dass viele Opfer später selber zum Täter werden. Mir ist bekannt, dass Zahlen und Statistiken dies belegen. Für mich macht es trotz alledem keinen Sinn.
Wenn du die Scham, die Demütigung und das Gefühl des Ausgeliefert-Seins am eigenen Leib, an eigener Seele erfahren hast, warum solltest du diesen Schmerz weitergeben, womöglich an deine eigenen Kinder? Es gibt doch Instinkte, oder nicht? Von der Natur eingepflanzte innere Mechanismen, die, wenn du ein Kind, dein Kind, in den Armen hältst, dir aus vollem Herzen zuschreien, diesem hilflosen Wesen allen Schutz zu geben, den es braucht. Und alle Liebe, die es verdient.
Noch heute erinnere ich mich an das erste Mal, als ich von meiner Mutter Schläge bezog. Ich sehe noch immer die Badewanne vor mir, randvoll mit Badeschaum. Die Tatsache, dass die Flasche mit dem Badezusatz nun komplett leer war, reichte wohl aus, um das Fass zum Überlaufen zu bringen, im wahrsten Sinne des Wortes. Da ich schon entkleidet war, traf der Stock ohne Hindernis sein Ziel, das da war mein Rücken und mein Hinterteil. An diesem Tag war es das erste und das letzte Mal, dass ich deswegen heulte - der ungläubige Schock und der Schmerz hatten mich unvorbereitet getroffen. Danach nie wieder.
Allen, die auch in der heutigen Zeit noch die Überzeugung vertreten, "ein bisschen Zucht hat noch niemandem geschadet.", denen sei gesagt, dass genau das passiert: Die Gitter der Teilnahmslosigkeit gehen runter, die Schutzwälle werden hochgezogen. Das Kind zieht sich in sich selbst zurück, der einzige Ort, wo es hin kann, wenn die Außenwelt nicht sicher ist. Dorthin, wo es nichts fühlt und der Schmerz es nicht erreichen kann. Und diese Schutzmechanismen manifestieren sich mit den Jahren, mauern das Kind, den Menschen ein, bis er in seinem eigenen Kerker gefangen ist. Wer würde diese Tortur seinem Kind antun wollen?
20 Jahre später hatte ich den Schlüssel zu meinem tiefsten Kerker noch nicht gefunden, hielt aber dafür meine kleine Tochter in den Armen, sah in die dunklen, unergründlich glitzernden Augen meiner Neugeborenen und ich spürte die Löwin in mir erwachen: dieses Kind würde ich mit meinem Leben beschützen.
An alle, die Angst haben, ein dunkles Erbe an ihre Nachkommen weiterzugeben und darum auf Kinder verzichten, obwohl sie gerne welche hätten: Ihr seid nicht eure Eltern. Ihr habt die Wahl, es anders zu machen. Gewalt erzeugt nicht immer Gewalt.
Liebe kann heilen.
Liebe kann soviel mehr als man sich vorstellen vermag.
Und die Liebe zu einem Kind kann die Welt verändern.
Bist du glücklich?
03. 05. 2025
Mein Vater verließ uns, noch bevor ich in die Schule kam. Ich habe andere Familien immer beneidet. Damals war eine alleinerziehende Mutter noch nicht die Regel. Sollte sie auch niemals sein.
Das nächste Mal, als ich auf meinen Vater traf, war am Todestag meiner Mutter. Sie verabschiedete uns am Morgen in die Schule und am Mittag machte mir ein fremdes Gesicht die Türe auf und sagte: "Eure Mutter ist verunglückt". Und alles war plötzlich anders.
Mein Vater reiste aus seiner neuen Heimat im Ausland an und blieb zwei Tage. Als beschlossen wurde, dass wir aus Mangel von Alternativen in eine Pflegefamilie kommen würden, war er bereits wieder weg. Dafür wurden wir kurz darauf (von ihm) verklagt, da es ihm aufgrund seiner spärlichen Rente nicht möglich war, den Kindesunterhalt zu bezahlen. (Und wer nun denkt, das sei in Deutschland nicht möglich, dem sei gesagt, dass er sich im Irrtum befindet. Auch werden knapp volljährige Waisen ohne weitere Betreuung oder Vorbereitung in die große weite Welt entlassen, beziehungsweise sich selbst. Wehe dem, der dann noch nicht stark oder klug genug ist, sich zu behaupten auf der freien Wildbahn. Aber das ist ein anderes Thema.)
Viele Jahre und Irrwege später - Social Media macht´s möglich - kam ich in Kontakt mit meiner Halbschwester, und somit auch zu meinem Vater. Er hatte wohl einige Male erfolglos über das Jugendamt versucht, den Kontakt herzustellen und augenscheinlich freuten er und auch seine Frau sich sehr über unser Telefonat.
Trotz all dem, was man mir über meinen Erzeuger erzählt hatte (meine Erinnerungen im Kindergartenalter waren weniger als dürftig), war ich begierig, den Mann kennenzulernen, der in meinem Leben gefehlt hatte und dem wohl auch - wenn man machen Aussagen glauben mochte - die ein oder andere unangenehme Charaktereigenschaft von mir zuzuschreiben war.
Ich bekam genau vier Mal die Gelegenheit, bei Besuchen seinem Blickwinkel auf das Leben zu lauschen. Und wie er für mich empfand.
Lieblingstochter.
Ein Freigeist bist du. Ein Freigeist.
Neben regelmäßig eingeflochtenen Verunglimpfungen seiner unfähigen Ex-Frau, sprich: meine Mutter, und Lobhymnen auf seine eigene Person, bekam ich aber auch Einblicke in etwas, das auf besondere Weise zu mir sprach.
"Als sie uns in Kriegsgefangenschaft durch eine lange Gasse trieben und ich hinter mir die Schüsse und Menschen schreien hörte, wünschte ich mir einfach nur, dass sie mich treffen würden und alles endlich vorbei wäre."
Er erzählte auch von seinen Eltern, die in sich wohl die große Liebe gefunden hatten. Von seiner Mutter, die zu jung starb und von seinem Vater, der ihr nur wenig später aus Kummer folgte. Dieses Sinnbild einer Ehe war seine unerreichte Sehnsucht; dass er mir davon erzählte, meine größte Überraschung.
Meine Geschwister wollten mit dem Mann, der für sie lediglich ein Fremder war, nichts zu tun haben.
Auf seinem Sterbebett - ich kam noch rechtzeitig und brachte ihm seine Familie mit, bevor sie ihm das Morphium verabreichten - war seine dringendste Frage an mich: "Bist du glücklich?" Immer wieder: "Bist du glücklich?"
Zu der Zeit watete ich durch dunkle Abgründe und meine Partnerschaft (das Wort klingt wie Hohn, während ich es niederschreibe) lag wie er in den letzten Zügen. Ich hielt seine Hand und log ihm bei jeder Wiederholung seiner Frage leise und tröstend ins Ohr. Alles, was ich in diesen Augenblicken wollte, war, ihm die erdrückende Schuld zu lindern und seine Angst vor dem herankommenden Tod. Ich summte ihm alle Kinderlieder vor, die ich meinen Kindern immer vorgesungen hatte, damit sie friedlich einschliefen.
In den frühen Morgenstunden wurden die Geräte abgeschaltet und er hörte auf zu atmen.
Ich sehe mich noch ganz genau am Fenster des Zimmers stehen, dass sie mir zum Schlafen zur Verfügung gestellt hatten. Meinen dunkelhäutigen Stiefbruder mit Familie hatten sie keines Blickes gewürdigt. Anderes Thema. Ich sehe mich noch am Fenster stehen und der Horizont wurde rosa und mir wurde plötzlich auf merkwürdige Weise bewusst, dass die Beziehung zu meinem Vater und sein Tod ganz viel mit meiner derzeitigen Beziehung und dem Mann zu tun hatte. Es war, als würde mir jemand sacht mit der flachen Hand auf die Stirn tippen - "wach auf". Und es fühlt sich so an, als würden gleich zwei Verbindungen sich lösen...
Am nächsten Tag erfuhr ich, dass mein Vater mich als Kind missbraucht hatte. Mich und auch andere Kinder im Vorschulalter. Mein Körper hatte mich mit fehlender Erinnerung - bis auf eine, aber die lag so im Nebel, dass es auch ein Traum hätte sein können - geschützt, aber die Ahnung war immer da. Er hatte die Dinge seiner Frau erzählt, mehr noch, er war der Ansicht gewesen, dass er ein Recht dazu gehabt hatte. Solange sie nicht nein sagen, wollen sie es. Plötzlich sprach die "Frau und beste Freundin" eine andere Sprache. "Dein Vater war kein Mensch. Er war ein Monster."
Ich bin mir bis heute unschlüssig, welcher Mensch kränker war und was wohl schwerer wiegt. Sie hatten zusammen drei eigene Kinder und eine Adoptivtochter. Und das Monster wurde von (s)einer Frau geschützt und unterstützt. Bis zu seinem Tode.
Damals zwangen mich diese direkten und ganz und gar ungeschönten Worte in einem ganz und gar ungeschütztem Zustand nach Stunden der Erschöpfung und Trauma des Todes vollends in die Knie.
Heute bin ich dankbar für diese letzten Stunden, so vollgepackt mit Wahrheit. Dass ich weiß, was ich weiß. Es hilft mir, mich selbst besser zu verstehen und auch die Person, die mich gezeugt hat. Frieden zu schließen mit beiden meiner Eltern. Mein Vater war ein hochgradig gestörter Mann, ein Gefangener seiner selbst. Es gibt Menschen, ohne die die Welt besser dran wäre. Es tut weh, diese schrecklichen Worte zu schreiben.
Ich glaube, in seinen letzten Tagen hat ihn irgendwann ebendiese Wahrheit eingeholt. Und das muss grauenvoll gewesen sein. Keine Zeit mehr für Veränderung, keine Möglichkeit mehr zur Wiedergutmachung. Statt Groll ist da nun Mitgefühl, tiefes Mitgefühl für ihn und sein ungelebtes Leben.
"Mir hast Du noch was Unschätzbares hinterlassen: die Wahrheit. Und eine leise Ahnung von Deiner Sehnsucht. Ruhe in Frieden, Papa."